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  1. #1
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    Standard Ascension, Akt 1 - Funke

    Donnerstag, 24. Mai 2027, 10.33 Uhr, Aussenbezirk v. Boston
    Raven unterdrückte ein langgezogenes Gähnen. Zwar war die Sonne schon lange aufgegangen, aber all das nützte nichts gegen die Erschöpfung der vergangenen Nacht. Teufel auch, sie hatte grässlich geschlafen. Und nachdem die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster schienen, sie daran gehindert hatten, allzu lange im Bett liegen zu bleiben, war ihr nichts anderes übrig geblieben, den Tag weitaus früher zu beginnen, als ihre innere Uhr es von ihr verlangte. Als erstes stellte sie sich unter die Dusche, in der Hoffnung, dass das kühle Nass ihre Lebensgeister wecken würde – eine Hoffnung, die leider nicht erfüllt wurde. Lustlos versuchte sie sich anschliessend am Haushalt, der bei ihrer kleinen zwei Zimmer- Wohnung eigentlich recht harmlos ausfiel. Die gesamte Umgebung war in ein helles, kräftiges Orange getaucht, das sichtbare Zeichen der Wärme, die in der Wohnung stand und ihr den Tag vermieste. Sie hatte versucht, durch stoßlüften für ein wenig Kühle zu sorgen, doch sie hatte nur einen Blick auf die roten Schattierungen vor ihrem Fenster werfen müssen, um festzustellen, dass dieses Unterfangen von vorneherein zum Scheitern verurteilt war. Nachdem sie mit ihren Aufgaben fertig war, hatte sie sich daran gemacht, sich etwas zu mittag zu kochen. Es sollte nichts allzu großartiges sein, denn ihr Kühlschrank war echt leer. Doch es reichte, um sich ein paar Nudeln zu kochen und diese mit einer Pilz- Rahmsoße zu versehen.

    Als das schmutzige Geschirr schliesslich gewaschen und zum abtrocknen abgestellt worden war, hielt sie es nicht mehr aus. Sie musste etwas tun, ansonsten würde sie bis heute Abend verrückt werden. Schnell hatte sie sich ein paar passende Kleidungsstücke aus ihrer Kommode geschnappt, die sie überziehen konnte, sich eine passende Playlist auf ihrem Handy ausgesucht, die Ohrenstöpsel eingesetzt – und los ging es. Ein paar Kilometer laufen würde sie schon wieder in Schwung bringen, ganz zu schweigen davon, dass man das Wetter vielleicht doch geniessen sollte. Als sie vor die Tür trat, wärmte die Sonne ihr Gesicht, was ihre Stimmung schon einmal steigen liess, vor Allem, da ein kühles Lüftchen ein wenig blau in die warmen Farbtöne wirbelte und deren Monotonie ablöste. Sie verliess ihr Haus, das etwas ausserhalb der Stadt lag, und machte sich daran, durch die nahen Felder zu laufen. Das sie wenigen Menschen begegnete, hob ihre Stimmung noch weiter – vielleicht würde der Tag doch nicht so mies werden, wie er begonnen hatte.

    Donnerstag, 19.27 Uhr, 'Devil's Kitchen' – Bar, Boston

    Ein paar Stunden später erschien sie frisch geduscht und in passender, schwarzer Kleidung zu ihrer Schicht in der Bar. Das sie immer noch hier arbeitete, war vor Allem zwei Umständen zu verdanken: zum Einen brauchte sie schlicht und ergreifend das Geld, und zum Anderen hatte sie es sich vorgenommen, diesen Job erfolgreich zu absolvieren. Sie musste mit Menschen arbeiten können, denn sie konnte ihnen nicht so einfach entfliehen. Ihre Wohnung lag ausserhalb, was es schon einmal einfacher machte, sich unerwünschtem Kontakt zu entziehen – aber das war keine endgültige Lösung. Also lächelte sie, während ihre Ohren die leicht misstönende Stimmung ihres zeitweiligen Arbeitgebers vernahm, der es im Gegensatz zu ihr wohl nicht geschafft hatte, seine Laune im Laufe des Tages zu heben. Eigentlich mochte sie Lewis, aber selbst in ihren Augen war er manchmal schrecklich unbedarft und unbeholfen. Als er in ihr Sichtfeld kam – das misstönende Klingen immer noch in ihren Ohren – wurden die Laute mit einem Male etwas leiser, als er ein Lächeln auf sein Gesicht zwang und ihr zunickte. Sie schenkte ihm ein eigenes, leises Lächeln, während ihr etwas schwerer ums Herz wurde. Sie hatte schon seit langer Zeit vernommen, dass er an ihr Gefallen gefunden hatte, doch seine Gefühle konnte sie nicht erwidern – ganz zu schweigen davon, dass er ohnehin nie den Mut besessen hätte, diese auch auszusprechen.

    Als sie ihren Platz hinter dem Thresen einnahm, flackerte das Licht auf, ehe es erst nach einigen Momenten wieder das gewohnt ruhige Leuchten annahm. Ärgerlich runzelte Raven die Stirn – warum waren die Elektriker nicht in der Lage, sich dieses Problems endlich einmal richtig anzunehmen? Nun ja, eigentlich lag die Antwort auf der Hand. Sie hatten sich die Lichter nie angesehen. Das machte Lewis' Cousin zu einem wesentlich günstigeren Preis und mit wesentlich weniger Erfolg. „Hey... Lewis?“ fragte sie leise, als der Angesprochene sich umdrehte und sie anblickte. „Ja, Hon? Was gibt es?“ Beim Geräusch seiner Zuneigung zog sich ihr Inneres etwas zusammen, während sie eine freundlich- gleichgültige Miene auf ihren Zügen haften liess. „Hattest Du nicht gesagt, dass sich um das Licht gekümmert wurde? Das flackert immer noch. Bald fällt das wohl ganz aus.“ Wie zur Bestätigung ihrer Worte wurde der Raum kurz in Finsternis gehüllt, ehe es wieder ansprang und die Gesichter einiger irritierter Gäste enthüllte, die sich nach dem Grund der Dunkelheit umsahen. Der fluchte leise, während seine Miene wieder misstönendere Laute in ihre Ohren trieb. „Ja, shit... eigentlich sollte das behoben sein.“ Weiter kam er jedoch nicht, denn ein Schrank von einem Kunden hatte sich an die Theke begeben und forderte lautstark etwas zu trinken. Schnell offenbarte sich, dass der wohl schon einigen Alkohol intus hatte, denn er sprach offen aus, was er dachte, ganz gleich, wie angemessen oder unangemessen es war. Raven wand sich innerlich, als er ihr ein Kompliment über 'die geilen Titten' machte, und wollte ihn gerade mit neuerlicher Bestimmtheit und aufwallender Wut der Tür verweisen, würde sie doch sonst ihre Security verständigen (die es zwar nicht gab, aber das musste ja er nicht wissen) – als mit einem Schlag sämtliche Glühbirnen des Raumes erloschen und die 'Devil's Kitchen' mit einem Male in Dunkelheit getaucht worden war. Kurz waren erschrockene Schreie zu hören, dann folgten Rufe der Entrüstung. In Raven, die ebenfalls erschrocken erstarrt war, machte sich langsam tiefe Resignation breit – der Abend versprach, zu einer ausgemachten Katastrophe zu werden.
    Geändert von Rosered_Strauss (15.08.2017 um 20:07 Uhr)

  2. #2
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    Donnerstag, 24. Mai 2027, in einer kleinen Arztpraxis auf dem Land

    "Hey, hey Azura", rief eine männliche rauhe Stimme in einem Zwischenraum während der Junge gerade hektisch durch den Raum wirbelte um irgendwelche Gegenstände einzuordnen. "Ja, Chef?". "Schnapp dir mal das Fahrrad und fahr rüber zu den Yang's, ihre kleine Tochter ist krank und braucht die Medizin". "Und wehe du rollst jetzt mit den Augen Junge das bißchen Sport wird dir gut tun, so'n Hering wie dich hat man selten gesehen". Das bißchen Sport war lustig. Eine gute Stunde für eine Strecke war schon anstrengend. "Ja Chef wird erledigt", "guter Junge", ein Schlüsselpaar kam plötzlich auf ihn geflogen welches er mit Mühe auffing, sich dabei fast den Kopf gestoßen hätte.

    Mit leicht mürrischer Mimik ging Azura zu dem kleinen Schuppen der hinter dem Laden stand. Die Hitze war unerträglich, als jedoch eine leichte Brise über sein rotbraunes Haar hinwegfegte, änderte es seine Stimmung schlagartig. Nach dem das Fahrrad transportfähig aufbereitet wurde, schwang sich Azura auf den Drahtesel und fuhr den Ackerweg entlang. Seine Augen wanderten kurz über die Reisfelder, wo bereits diverse Dorfbewohner bereits am arbeiten waren. Später würde er auch dort noch vorbei schauen um Lieferungen abzugeben. In zwei Tagen hatte seine Mutter schließlich Geburtstag, da musste noch paar Yen zusammengesammelt werden. Ob seine Schwester es schaffen würde, zu kommen? Das Grinsen in seinem Gesicht wurde breiter. Azura trat kräftig in die Pedale um schnell das Medikament abzugeben.

    Donnerstag, 19.27 Auf den Reisfeldern

    "Zieht" - dutzende Stimmen hallten über eines der Felder wo es offenbar Probleme gab. Ein Junger Mann hatte sich in einem Becken an einer der Pflanzen verfangen, was niemand wusste unter diesem Feld gab es einen leichten Erdrutsch. Azura, der gerade auf den Weg nach Hause war, bekam das ganze nur am Rande mit. Viel mehr war der Junge damit beschäftigt, sein hart erarbeitetes Geld zu zählen. Morgen würde er den Rest des Lohnes erhalten und dann in die Stadt fahren, um das Geschenk zu kaufen, was ihm der Verkäufer reserviert hatte. Plötzlich stolperte er über einen kleinen Stein. Landete mit dem Gesicht auf den verstaubten Boden. "Auauauauauauaua", fluchte er was schon ungewöhnlich für ihn war. Mit Schmerz erfülltem Gesichtsausdruck rieb er sich die Wange, als er jene Stimmen wahrnahm.

    Wie angewurzelt blieb der Junge stehen. Seine Beine zitterten und doch hatte ihn sein Körper zu den helfenden Männern getragen. Als man ihn bemerkte, sollte dieser sofort abdrehen und Hilfe holen. Jede Faser in seinem Körper schrie nach weglaufen, sein ganzer Körper zitterte. "Na los Junge, hol schnell Hilfe". Doch Azura ignorierte jene schreiende Gestalt. Sein Herzschlag schlug ihm bis zum Halse hoch und warum auch immer sprintete die zierliche Gestalt zu den anderen Männern, fest wurde jenes Seil mit beiden Händen gepackt, die Füße in den Matsch gestemmt. "Was tust du hier du sollt Hilfe holen, Kleiner!", schrie ein kräftig gebauter Mann doch Azura schüttelte sein Haupt. "Ich brauche zwanzig Minuten zum Doc ihr könnt jede Hilfe gebrauchen!!!", schrie er sein Gegenüber an mit Tränen in den Augen. "ZIEHT", schrieen die Männer. Obwohl Azura sichtlich Probleme hatte überhaupt mitzuhalten, halfen alle den jungen Mann vor dem Ertrinken zu bewahren.

    Plötzlich gab jedoch das Gewicht nach. Die Männer und auch Azura fielen in den Matsch, das Seil rutschte in das Wasserfeld. "Oh verdammt!!", schrie jemand. Doch es war zu aller Überraschung der kleine Knirps der mit Tränen in den Augen in das Wasserfeld sprang und zu dem Opfer schwamm. Er packte mit Panik in den Augen jene Hand und zog kräftig, während er irgendwie versuchte den Halt am Boden nicht zu verlieren. Azura zog immer weiter, bis sich die Schlinge um das Bein des Ertrinkenden löste. Mehrere Hände griffen plötzlich nach seinem Nacken. Azura hatte für einen Moment den Überblick verloren und war nun selbst gestürzt, wurde von der Strömung in dem Feld nach unten gedrückt. Irgendwann spürte er wärmende Sonnenstrahlen auf seinen Wangen. Ein leichter Windhauch wehte über ihn weg. Er öffnete schlagartig seine Augen und hustete etwas Wasser aus. Um ihn herum standen, saßen jene Männer auch jener, der fast gestorben wäre und bekräftigten seinen Einsatz auch, wenn es total dumm gewesen ist, was er gemacht hatte. "Du hast Mum Kleiner, dass muss man dir lassen". Plötzlich fiel dem Jungen etwas ein, "oh nein.. mein Geld..". Seine Augen huschten über den kleinen Weg hinweg und er suchte nach dem Beutel. Es war alles weg. Mit betroffener Mimik torkelte der Junge zu den Männern zurück, die das ganze nicht nachvollziehen konnten ihm aber Mut machten, sich keine Sorgen zu machen.

  3. #3
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    Donnerstag, 24. Mai 2017, 20.15 Uhr, 'Devil's Kitchen' – Bar, Boston
    Großartig! schoss es Raven durch den Kopf, als sie an den nächsten Tisch lief, um ihren Kopf zu neigen und sich im Namen der Bar bei den Gästen entschuldigte. Ja, es tue ihnen leid, ja, es war wirklich Pech, das das Licht gerade heute Abend so restlos ausgefallen war. Ja, man sorge dafür, dass es besser werde – der Kollege sei bereits damit beschäftigt, es könne sich nicht mehr lange so hinziehen. Ihre Ohren tönten von den verschiedensten Lauten, die ihr wie Posaunenschläge entgegen hallten. Der dumpfe Ton von Missbilligung war allgegenwärtig, während einzelne helle Noten der Belustigung sich mit manchen Stellen des vibrierenden Zorns abwechselten. Nachdem sie sich mehrere Minuten lang von einem Gast zur Schnecke hatte machen lassen müssen, der darüber wetterte, dass er heute mit einer ihm wichtigen Person war und ein solches Vorkommnis inakzeptabel sei; bemerkte sie, wie Lewis wieder im Raum erschienen war. Mit einer abschliessenden Entschuldigung stahl sie sich davon, während sie mit gehässiger Genugtuung bemerkte, wie diese 'ihm wichtige Person' von dessen Verhalten weitaus weniger angetan war als von dem plötzlichen Lichtausfall. „Lewis... bitte sag mir, dass wir das unter Kontrolle bekommen!“ flüsterte sie ihrem Arbeitgeber zu, als sie hinter der Theke angelangt war. Doch sie brauchte nicht erst seine Miene zu sehen, sie hörte bereits die sich in ihm ausbreitende, klingende Frustration, gepaart mit einer klaren Note der Verzweiflung. Wortlos schüttelte er einfach nur den Kopf, als er einen Karton hochhob, in dem sich einige Kerzen befanden.

    Ihr ungläubiger Blick blieb bestehen, als er ihr den Karton in die Hand drückte und sie anwies, auf den Tischen für Licht zu sorgen. Hatte sie schon zuvor Belustigung und Missmut vernommen, so klangen diese Laute nun umso stärker in ihren Ohren, als sie mit einer erneuten Entschuldigung für Licht sorgte und erklärte, dass das elektrische Licht wohl erst noch auf sich warten lassen müsse. Was bei einigen zu einem Schmunzeln führte, führte bei Anderen dazu, dass sie vom Tisch aufstanden und die Bar verliessen. Lewis unterdessen versprach allen, die geblieben waren, dass die Getränke heute Abend für die Hälfte des Preises zu haben waren. Das kam auch verständlicherweise bei den Verbliebenen gut an, während Raven selbst ihren Lohn für den heutigen Abend schwinden sah. Doch selbst diese Entwicklung hätte sie gut verkraftet, wäre der nächste Gast nicht gewesen.

    Es war derjenige, der sich bereits bei ihr fürchterlich über diese Umstände ausgelassen hatte. Als sie jetzt mit einer Kerze an seinen Tisch kam, stand auch er auf, leider jedoch nicht, um den Raum zu verlassen, sondern um seine Stimme zu erheben und sie derart giftig anzufauchen, dass sich alle Köpfe in ihre Richtung drehten. Ihr klangen bereits die Ohren von all den Gefühlen, die auf sie eindroschen, während die Wut, der Frust und die unterschwellige Angst des Mannes vor ihr klar zu vernehmen waren. Während sie unter seinen Worten immer kleiner wurde und nicht die Gelegenheit fand, sich auch nur ansatzweise zu verteidigen oder aus der Affäre zu ziehen, erkannte sie zumindest in seiner Begleitung den Grund für diesen Mix an Gefühlen, denn für sie war klar zu hören, dass sie ihm keine sonderliche Zuneigung entgegen brachte, sondern dies womöglich nur ein Date aus Mitgefühl war, einen Umstand, der ihm zusetzte. Dass er sich mit seinem Ausbruch nur noch weiter von ihr entfernte, war ihm auch noch schmerzlich bewusst, doch es ging ihm einzig und alleine darum, alles menschenmögliche zu versuchen, um sich in ihren Augen noch einmal zu profilieren. Lewis versuchte sich begünstigend einzuschalten, was aber lediglich dazu führte, dass auch er ins Visir des zeternden Mannes geriet, während einige weitere Gäste den Raum verliessen, um sich diese Tirade nicht länger anzuhören und sich von ihr den Abend nicht vermiesen zu lassen.

    Für Raven wurden all diese Stimuli langsam zu viel. Und als der Kerl vor ihr auch noch ungefragt und unerlaubt die Kiste aus ihren Armen riss, sich eine Kerze nahm und ihr den Rest wieder achtlos entgegen warf, erreichte ihre eigene Unsicherheit und ihr Gefühl der Hilflosigkeit einen Punkt, an dem sie in sengende Wut transformiert wurde. Wie zur Betonung eines Argumentes wedelte er mit der Kerze dicht vor Lewis' Nase herum und zog ein Feuerzeug aus seiner Tasche, um diese anzuzünden. Während Raven noch einmal einen Anlauf unternahm, um die wütende Tirade zu unterbrechen, wünschte sie diesem unleidigen Gast zornig alles Unglück der Welt an den Hals. Sie bemerkte nicht, wie ihre Augen für einen Augenblick ihre himmelblaue Farbe verloren und zu einem Wirbel schwarzer Farbe wurden. Lediglich Lewis und der Wüterich schienen dies zu bemerken, denn sie hielten inne und starrten sie an. Die folgenden Momente sollten sich auf ewig in ihr Gedächtnis brennen. Denn wie in Zeitlupe wurde das Feuerzeug betätigt, doch anstatt der kleinen Kerzenflamme brach eine Stichflamme daraus hervor, die dem immer noch von dem Gast zu dicht gehaltenen Lewis das Gesicht versengte, woraufhin dieser sich mit einem erstickten, überraschten und schmerzerfülltem Schrei zu Boden warf. Doch die entsetzte Verwirrung des Mannes hielt nicht lange an, denn das Feuerzeug explodierte nach einigen wenigen weiteren Momenten in seiner Hand und liess seinen Anzug in Flammen aufgehen. Raven stand einige weitere Augenblicke einfach nur da, fassungslos ob des unglaublichen Vorfalls, ehe sie sich endlich in Bewegung setzte. Sie griff sich eine nahe Blumenvase und schüttete das Wasser über Lewis' Gesicht, das Glücklicherweise nicht zu viel abbekommen hatte. Der Gast hingegen war eine gänzlich andere Angelegenheit. Er hatte es geschafft, sich die brennende Anzugjacke vom Leib zu reissen, doch auch seine Hemdärmel waren von dem Unglück betroffen. Auch er warf sich zu Boden und wälzte sich schreiend hin und her, bis er schliesslich das Feuer gelöscht hatte.

    Raven war unterdessen zurück gewichen, immer noch geschockt und Fassungslos. Ihr Pech war, dass sie viel zu sehr von dem Geschehen vor sich eingenommen gewesen war, denn als die Gäste, die sich unterdessen an die Flucht gemacht hatten, mit ihr zusammen stiessen, wurde sie herum gerissen und landete schwer auf dem Boden. Schwärze umfing ihr Blickfeld, und einige Momente war sie vollkommen weggetreten, ehe sie den Schmerz mit Tränen in den Augen beiseite zu blinzen versuchte und sich aufrappelte. In den Sekunden – Minuten? - ihres Wegtretens hatte sich die Bar fast vollkommen geleert, lediglich Lewis war noch anwesend, während bereits von draussen Sirenen zu hören waren. Sie stemmte sich an einem nahen Stuhl in die Höhe, ehe sie mit noch etwas wackeligen Beinen auf ihn zuging und behutsam die Hand hob. 'Alles in Ordnung?' wollte sie fragen, doch als er ihre Hand auf seiner Schulter spürte, schlug er sie reflexartig weg. Für einen Moment hörte sie den schrillen Missklang ungetrübter Angst, als er sie mit wildem Blick ansah, ehe er sich in das kleine Zimmer hinter der Theke flüchtete und die Tür zuschlug. Raven war eines vollkommen klar: Lewis hatte Angst vor Ihr gehabt. Aber was war los? Sie hatte doch nichts getan! Das ganze war ein furchtbares Unglück, an dem hatte sie doch keine Schuld! Oder etwa doch? Sie erinnerte sich an das Aufflammen ihres Zornes gegenüber diesem Mann, aber sie war doch früher schon richtig wütend geworden, ohne, das eine Katastrophe geschehen war. Und doch, so erinnerte sie sich jetzt, hatten beide sie auf einmal angestarrt, als wären ihr mit einem Male Fangzähne gewachsen. Während sie ihren Gedanken nachhing, hörte sie auf einmal, wie jemand sich räusperte. Sie schreckte auf, als hätte sie jemand in die Seite gekniffen, und sah sich blinzelnd um. Ihr Blick fiel auf zwei Männer, die in langen, vom Regen nassen Jacken mitten im Raum standen und sie ansahen, während von draussen die Sirenen vom Krankenwagen zu hören waren, der jetzt fast da war. „Wir gehören zur Boston Police, Ma'am. Wir würden Sie bitten, mit uns aufs Revier zu kommen – wir hätten da ein paar Fragen an sie.“

  4. #4
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    Donnerstag, 20.15 Uhr in einem kleinen Hof Azura kam nach dem Zwischenfall mit dem jungen Arbeiter ziemlich geknickt nach Hause an. Seine Mutter erkannte sofort, dass etwas mit dem Jungen nicht stimme, wollte diesen gleich trösten. Doch er hatte dieses Mal keine Lust. Leicht abwinkend, verschwand seine Gestalt in den kleinen Vorhof. Es fielen noch ein Paar Arbeiten an, das Holz musste gehackt werden, gestapelt und für den morgigen Versand fertig gemacht werden, zusätzlich bedurften einige Tiere noch ihrer Aufmerksamkeit. Doch aus irgend einem Grund ging ihm die heutige Arbeit viel leichter von der Hand. Sollte er tatsächlich etwas an Muskeln zugelegt haben? Nein, warum denn auch. Training kam ihm nie in den Sinn.

    Nach dem jeder Stapel ordentlich verpackt wurde, machte sich Azura daran ihre Tiere zu füttern und den Unrat zu entfernen. Nach guten zwei Stunden fertiger Arbeit trug ihn sein müder Körper zurück in sein Elternhaus. Seine müden Augen bemerkten nur träge, dass etwas nicht stimmte. Das Kerzenlicht erlosch. Finsternis war erkennbar. Sich den Hinterkopf kratzend, betrat der Junge den Hintereingang. "Mom?", fragte er leise denn von irgendwo her hörte man klirrende Geräusche, als würde etwas durchsucht werden.

    Ein Lichtkegel wanderte hektisch umher, als zwei Augenpaare in seine Richtung starrten, schaltete er sofort und versteckte sich hinter der Tür. Hier war tatsächlich jemand in das Haus eingedrungen. Ein Einbrecher, ein Mörder oder Plünderer? Natürlich war es nichts neues, dass manchmal Überfälle aber hier bei ihnen? Wie erstarrt, blieb Azura hinter dem Türrahmen stehen, sein Herz schlug so laut gegen den Brustkorb, dass er Angst bekam man könne es sogar hören. "Hey, Schlampe", jene raue Stimme war vom Eindringling. Wimmernd hörte er eine weibliche Person schluchzend, "wo ist euer Schmuck, euer Geld oder irgend was was überhaupt einen Wert hat?!", deutliche Wut war heraus zu hören ehe eine Schublade mit brachialer Wucht herausgerissen wurde. Besteck krachte schippernd gen Boden.

    Während seine Mutter irgendwie versuchte, das ganze zu beschwichtigen, erkannte nun auch sie ihren Jungen der immer noch vor Angst wie gelähmt war. "Schlampe!!", hörte man nur noch ehe ein klatschendes Geräusch den Raum erfüllte. "Dann werde ich mich halt ein wenig mit dir begnügen!", schrie der Eindringling und man hörte das Zerreißen von Kleidung. Panisch flehte Azura's Mutter den Mann an ihr Haus zu verlassen doch dieser dachte nicht im geringsten daran. In Azura schrie jede einzelne Faser seines Körpers nach Flucht. Seine Beine zitterten, Schweiß lief seine Stirn hinunter. Doch jene bizarre Szene wie seine Mutter geschlagen wurde und umfiel um dann wie ein Tier behandelt zu werden, ließ in ihm irgend etwas zerbrechen. "HEY!", unterbrach seine Stimme den erdrückenden Raum.

    Der Einbrecher fuhr erschrocken um, als sein Blick jedoch den Jungen streiften, entwich ihm ein eiskaltes Lachen. Seine Worte waren eindringlich. Sollte er doch verschwinden und ihn machen lassen, sonst würde er die "Schlampe", wie er sie immer wieder nannte vor seinen Augen töten um sich vorher an ihrem Leib zu vergehen. Doch Azura hörte nur noch den dumpfen Schlag seiner pulsierenden Adern. Jegliche Angst war für einen kurzen Moment vergessen. Langsam trugen ihn seine Füße weiter vorwärts während bei jedem Schritt eine Staubwolke hinwegfegte, holte der Junge plötzlich mit seinem rechten Arm - die Hand war zur Faust geballt - aus. Man hörte nur einen verzweifelt wütenden Schrei des Jungen sowie das Bersten von Knochen was nicht die seine waren.

    Mit brachialer Gewalt beförderte er den Eindringling einmal quer durch die Küche. Krachend landete der Körper des Verbrechers in der Wand während das Blut nach oben spritze oder am Boden kleben blieb, starrte ihn seine Mutter mit einem Ausdruck aus Entsetzen und Furcht an. Seine Hand qualmte kurzzeitig. Zischte laut. Eine erdrückende Müdigkeit überfiel seinen Körper, jegliche Gliedmaßen schmerzten. Eine unerträgliche Dunkelheit vernebelte seine Sicht während sein Geist langsam der Müdigkeit wich, war das letzte was seine trüben Augen noch erblickten den Blick seiner Mom. Minuten verstrichen oder waren es doch Stunden gewesen, bis der Junge in einer himmlisch weichen Matratze die Augen aufschlug. Höllische Kopfschmerzen und ein unerträglicher Hunger machten sich in ihm breit. "W-wo bin ich?", murmelte Azura. Jene Erinnerungen drangen nur träge in das Gedächtnis. "MOM!!", schrie der Junge urplötzlich doch noch bevor er aus dem Bett aufsprang, drückten ihn zwei Paar Hände sanft herunter. "Ganz ruhig Junge.. deiner Ma geht es gut, du bist hier bei mir". Sein Blick wanderte nach oben, was machte sein Chef denn bei ihnen zu Hause??! Was war geschehen?? "Junge, kannst du dich an irgend etwas erinnern.. als ich bei euch zu Hause ankam, schien die Hölle ausgebrochen". "Keine Sorge, keine Sorge.. deiner Ma ist nichts passiert.. sie schläft gerade". "Ich mach dir erst mal einen Tee.. dann erzähl mir in aller Ruhe.. was passiert ist".
    Geändert von Constantine (26.08.2017 um 23:10 Uhr)

  5. #5
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    Freitag, 25. Mai, 04.33 Uhr, Aussenbezirk von Boston

    Als Raven endlich nach Hause kam und sich aufs Bett fallen liess, war sie zwar am Ende ihrer Kräfte, doch sie wusste schon jetzt, dass sie nicht würde schlafen können. Vor ihren Augen waren Menschen verletzt worden, durch Feuer und mehr als absonderliche Umstände. Am schlimmsten war jedoch das ohrenbetäubende Geräusch der Angst, welches ihr noch nach wie vor in ihren Ohren dröhnte und sich auch auf deren Gesichtern widergespiegelt hatte. Sie hatte keine Ahnung gehabt, was los gewesen war, und letztlich war es wohl auch das, was die Polizisten davon überzeugt hatte, dass sie wirklich nichts getan hatte. Sie hatte diesen Kerl nicht einmal eine gescheuert, obwohl er es mehr als verdient hatte! Sie seufzte schwer – das würde sie noch eine ganze Weile verfolgen. Als sie sich kurzerhand nachtfertig machte und das Licht ausschaltete, waren immer noch die Bilder des brennenden Mannes äusserst präsent vor ihrem inneren Auge.

    Freitag, 25. Mai, 17.00 Uhr, Aussenbezirk von Boston

    Als sie am Vortag noch vermutet hatte, dass sie das gestrige Geschehen noch lange verfolgen würde, hatte sie noch nicht geahnt, wie recht sie damit haben würde. Das 'Devil's Kitchen' hatte ihr in einer Mail mitgeteilt, dass sie nach den Vorfällen leider nicht mehr in der Lage seien, sie noch weiter zu beschäftigen. Überdies werde die Bar erst einmal geschlossen bleiben, denn der gestrige Unfall würde in die Schlagzeilen kommen. Diese waren es gewesen, die ihr den Morgen einer ohnehin nicht allzu erholsamen Nacht gänzlich vermiesten, und auch ihr morgendliches Jogging brachte ihre Stimmung nicht auf Vorderfrau. Sie hatte sich gegen Mittag ihre blauen Strähnen gegen weisse austauschen lassen, um ihre aktuelle Stimmung widerzuspiegeln. Als sie dann jedoch zu Hause angekommen war und die Mail gelesen hatte...

    Nach einer kleinen Weile fasste sie den Entschluss, Lewis anzurufen. Sie brauchte diese Stelle, wollte sie ihre kleine Wohnung weiter finanzieren, denn diesen Monat war sie finanziell nicht gerade optimal aufgestellt und wollte eigentlich nur ungern ihre Eltern für die Miete anpumpen, während sie nach einem neuen Job suchte. Als nach einer kurzen Wartezeit besagter Mann ans Telefon ging, fiel sie gleich mit der Tür ins Haus. „Hey, Lewis... Raven hier. Ich wollte dich fragen, ob es nicht irgend eine Möglichkeit gibt, dass ich meine Stelle behalten kann. Ich brauch' das Geld nämlich, und...“ Die Stimme ihres Bosses unterbrach sie. „Hey, Du, äh, es tut mir ja wirklich leid, aber da kann ich nichts machen. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Frag mich bitte nicht wieder.“ Raven runzelte die Stirn – sie hörte die Angst in seiner Stimme deutlich heraus. „Ist bei dir alles in Ordnung? Ist was...“ - „NEIN! Nein, nichts ist passiert, alles gut. Hör zu, tut mir echt leid, aber ich muss jetzt los. Hab noch viel zu tun.“ Mit einem Klicken endete die Verbindung, und Raven blieb ratlos im Wohnzimmer sitzen – überdeutlich hatte sie gehört, wie die Angst seine Stimme brach. Irgend etwas lief hier ganz und gar nicht richtig.

  6. #6
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    Freitag 17.00 Uhr in einem kleinen Hof Azura versuchte jenes Szenario erneut in sein Gedächtnis herbei zu rufen.. doch jene Erinnerungen wollten nur schwerlich in seinen Kopf welcher höllisch brummte. Noch immer hatte ihn seine Mutter nicht besucht, obwohl ihm sein Chef versicherte, dass sie die ganze Zeit bei ihm gewesen sei. Den ganzen Tag konnte der Junge sich erholen, was auch bitter nötig war. Doch im Laufe des Abends wollte er einfach nur nach Hause. Den Drang nach Hause konnte Azura einfach nicht erklären. Wahrscheinlich ist es einfach nur die Macht der Gewohnheit. Immer wieder vertröstete ihn sein Chef doch in einem unbeobachteten Moment schlich sich der Junge aus dem Haus heraus.

    Unterwegs suchten seine Augen immer wieder nach seiner Mutter doch er fand sie nicht. Während die wärmende Sonne sein Gesicht streifte, versuchte er sich zwanghaft daran zu erinnern wie das ganze überhaupt geschehen konnte. Dann endlich nach einer gefühlten Ewigkeit überkam eine ernüchternde Erkenntnis. Ihr Haus, sein zu Hause war aufgerissen, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Eine unheilvolle Brise wehte über sein rotbraunes Haar hinweg. Was war nur geschehen? Eine dicke Ader pulsierte auf der Stirn, Kopfschmerzen traten ein. Sein Blick wanderte sofort in den kleinen Vorhof sämtliche ihrer Tiere waren nicht mehr.

    Den Augen nicht trauend, rieb er sich diese mehrmals. Langsam bekam es der Junge mit der blanken Angst zu tun. "Mom?!", "Mom?!", schrie er immer wieder und rannte sofort in das brüchige Haus. Instinktiv trieb es den Jungen in die Küche. Zurück zum Ort des eigentlichen Geschehens und als er endlich ankam, weiteten sich seine Augen. An der Wand hing noch immer eine Gestalt vollkommen in Blut getränkt. Jene rubinrote Flüssigkeit war auch an der Spüle, auf dem Fußboden einfach überall im Raum - jedenfalls was noch übrig blieb - verteilt. Es stank bestialisch, der fürchterliche Geruch fraß sich tief in seine Nase weshalb seine Lungen nach Luft rangen und er sich übergeben musste. Krampfhaft zitterten seine Hände während Azura japsend zu Boden glitt, erlag der Junge den Erschöpfungen. Von seiner Mutter fehlte nach wie vor jede Spur.
    Geändert von Constantine (27.08.2017 um 23:52 Uhr)

  7. #7
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    Samstag, 26. Mai, 20.00, Castle Island, Boston
    Den ganzen Tag über hatte Raven sich eine Auszeit genommen, war zu Hause geblieben, hatte sich ausgeschlafen, sich um ihren Haushalt gekümmert und generell gefaulenzt. Aber eigentlich war 'faulenzen' nicht das richtige Wort, denn zu Erholung führte ihr Tag nicht. Vielmehr versuchte sie entweder, den Geschehnissen einen Sinn zu verleihen oder gar nicht erst darüber nachzudenken. Leider gelang keines von Beiden, daher trieb es sie abends doch noch aus dem Haus. Erst lief sie einfach nur ein wenig, um einen klaren Kopf zu bekommen, was ohnehin abends leichter von der Hand ging als zur Mittagsstunde, wo ihr die Hitze des Tages in die Augen stach. Doch auch jetzt waren die Strassenlaternen noch in ein warmes Orange getaucht, und die Abendsonne machte sich farblich auch auf den Straßen Bostons bemerkbar. Es trieb sie nach Castle Island, um die dortige Natur zu geniessen, ehe sie sich von ihrem Instinkt treiben liess und einfach in die Stadt lief. Erst, als sie vor der Tür des 'Devil's Kitchen' stand, bemerkte sie, dass ihre Füße sie unbewusst dorthin getragen hatte. Sie nahm die Kopfhörer ab, zog die Kapuze ihres Hoodies herunter und starrte einige Minuten einfach nur auf die nunmehr geschlossene Türe. Aus ihren Gedanken wurde sie erst dann gerissen, als ihr auffiel, dass sie betrachtet wurde. Einige Männer zwischen 20 und 30 standen in einer Gruppe zusammen, tuschelten miteinander und warfen ihr scharfe Blicke zu. Mit einem Male fühlte sie sich unwohl, denn auch wenn sie nicht hören konnte, was sie besprachen, hörte sie doch die Emotionen hinter diesen Worten – Überraschung, Abneigung und Zorn. Da trieb es sie weiter, und als sie jetzt joggte, lief sie in einem weitaus schnelleren Tempo als zuvor. Nachdem sie einige Minuten gelaufen war, warf sie einen Blick über die Schulter und zuckte zusammen. Die Typen folgten ihr! Ihr erster Instinkt liess ihre Hand zur Hosentasche zucken, doch sie zögerte, nach ihrem Mobiltelefon zu greifen. Nach den gestrigen Ereignissen wollte sie nicht noch mehr mit der Polizei zu tun haben als unbedingt notwendig. Vielleicht schaffte sie es auch, sie in einer belebteren Gegend abzuhängen als in dem kleinen Vorort, in dem sie sich nun befand? Als sie diesen Entschluss gefasst hatte, bog sie um die nächste Ecke und stiess dort mit jemandem zusammen, was sie gegen die Wand taumeln liess. „Sorry!“ entfuhr es ihr, als sie mit den Händen von ihrer schmerzenden Nase liess, die sie direkt gegen jemandes Stirn gestoßen hatte – als sie eine Faust auf ihr Gesicht zufliegen sah. Sie riss reflexartig die Hände in die Höhe, um den Schlag abzufangen, kam aber zu langsam. Die Knöchel ihres Gegenübers krachten gegen ihre Wange, während sie durch die Wucht des Schlages mit dem Kopf gegen die Wand stiess, an der sie nach dem Zusammenprall ohnehin gelehnt hatte. Sterne blitzten vor ihren Augen auf, als sie benommen merkte, wie mehrere Hände sie packten und in eine nahe Gasse zerrten.

    Dort fand sie sich in eine Ecke gedrängt und von den Kerlen umstellt wieder, die sie vor der Bar gesehen hatte. Ihre Hände tasteten über den kalten, harten Backstein, während sie zwar das Zittern ihrer Knie verbergen konnte, die Furcht jedoch ihre Stimme zittrig machte und ihr quälend laut ins Ohr stach. „Was wollt ihr?“ fragte sie wesentlich hastiger und unsicherer, als es ihr lieb sein konnte. „Du Miststück hast unseren Kumpel angezündet. Er trägt Brandnarben davon, ist dir das eigentlich klar?? Was hast du dir eigentlich gedacht??“ Raven wollte noch weiter zurück weichen, während ihr Kopf vollkommen leer war. „Aber ich habe doch gar nichts gemacht!“ rief sie aus, während ihre Stimme mehr flehendlich als überzeugt klang. Sie brauchte nicht erst die Missbilligung der anderen zu hören, um zu wissen, dass sie genauso gut mit dem Stein in ihrem Rücken hätte reden können. „Spar dir den Bullshit! Du hast ihn angezündet, Schlampe! Das zahlen wir dir jetzt heim!“ Auf dieses Stichwort hin drängten sie sich vor, und als Schläge und Tritte auf sie niederzuprasseln begannen, erlahmte ihre Gegenwehr schnell genug. Spätestens, als sie ihre Arme ergriffen und sie auseinander zerrten, trafen sie die Schläge wuchtig im Magen und liessen jede Verteidigung, die sie aufgebracht hatte, sinnlos werden. Sehr schnell jedoch liessen sie von ihr ab, denn sie wollten sie nicht krankenhausreif prügeln. Nein, sie hatten etwas ganz anderes vor. Als der bisherige Wortführer ein Feuerzeug aus seiner Tasche geholt hatte, wurden ihre Augen groß – denn jetzt verstand sie, was sie wollten. Irgendjemand kippte ihr etwas über das Gesicht, was stark alkoholisch roch. „Na, wollen doch mal sehen, wie du es findest, wenn du brennst!“ zischte ihr jemand von rechts ins Ohr, als sie vor Angst schlotterte. „NEIN! BITTE! BITTE NICHT!“ rief sie, aber kein Mitleid drang an ihre Ohren. Sie sah einzig und alleine das Feuerzeug, das wie in Zeitlupe entzündet wurde und immer näher kamen. Mit einem Male war ihr Kopf vollkommen leer, als die Welt verblasste und es nichts mehr gab ausser das Feuerzeug und sie. In höchster Konzentration merkte sie nicht, wie ihre Augen plötzlich die Farbe pechschwarzer Tinte annahmen, merkte auch nicht, wie der Kerl vor ihr zusammen zuckte, als er das bemerkte. Was sie aber bemerkte, war, dass das Feuerzeug in seiner Hand explodierte.

    Mit einem Schrei fuhr er zurück, als sich das Feuer ausbreitete, als wäre er und nicht sie mit einer leicht entzündlichen Flüssigkeit getränkt. Nach einer Schrecksekunde wurde sie zurück gegen die Wand geworfen, wo sie anschliessend schwer zu Boden schlug, während die Anderen versuchten, ihren Freund zu löschen – vergeblich. Ihre Augen, immer noch schwarz wie die Nacht, waren unverwandt auf das Feuer gerichtet, das sich jedem Versuch, es zu löschen, entzog. Sie versuchten gerade, es mit einer Jacke zu löschen, als ihre Augen sich etwas weiteten und eine Stichflamme in den Himmel zuckte. Ein gequälter Schrei löste sich aus seiner Kehle, als er jedwedes um-sich-schlagen mit einem Male einstellte und die Flammen mit einem Male erstarben, als hätte es sie nie gegeben. Zurück blieb nur die verbrannte Leiche eines Mannes, der noch vor wenigen Augenblicken quicklebendig gewesen war. Als die Blicke der Anderen sie jetzt trafen, stand Mord in ihren Augen und erfüllte ihre Ohren mit einem schrillen, grässlichen Laut des unverfälschten Hasses. Jetzt würden sie sie töten, da war sich Raven sicher. Doch im selben Moment war ein lauter Ruf zu hören, den sie jedoch schon nicht mehr ganz mitbekam, da ihr jemand mit voller Wucht gegen den Schädel trat. Sie sah nur noch, wie Schemen heran rannten und die anderen beiseite stiessen, ehe sie sich in schmerzerfüllter Ohnmacht verlor.

    Samstag, 26. Mai, 22.00, Polizeirevier, Boston

    Als sie zu sich kam, entfuhr ihr als erstes ein erstickter Schmerzlaut. Bevor sie sich auch nur umsah, begannen heisse Tränen ihre Augen zu füllen, als sie stimmlos schluchzte, als die Erinnerungen von Schlägen und Todesangst auf sie einprasselten. Es sollte einige Minuten dauern, bis sie sich soweit gefasst hatte, dass sie überhaupt ihre Umgebung wahrnehmen konnte. Als sie erkannte, dass sie sich in dem Verhörzimmer befand, in dem sie erst vor kurzem gewesen war, wurde ihre Stimmung noch lange nicht besser. Und als sie feststellen musste, dass ihre Handgelenke mit Handschellen versehen und am Stuhl befestigt waren, machte das die Sache auch nicht besser. Gerade, als sie sich umsah, öffnete sich die Tür, und der Officer von letztem Mal trat hinein. Eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Misstrauen, aber auch einem Stich Mitleid drang in ihre Ohren, und gerade letzteres war Balsam für ihre Seele. Doch das sollte nicht allzu lange vorhalten, als das Verhör begann. Es sei doch schon sehr auffällig, dass gerade sie jetzt wieder hier saß, und das schon wieder in Zusammenhang mit einem Feuer. Weitaus schlimmer jedoch war diesmal, dass es nicht nur ein Opfer, sondern auch eine Leiche gab. Eine ganze Stunde lang versuchte sie zu erklären, dass es nicht ihre Schuld war, sie hatte nichts davon tun wollen, war doch immerhin in eine Ecke gedrängt und verprügelt worden. Doch die Fragen, die darauf folgten, liessen sie vermuten, dass dies nur bedeuten würde, dass milderne Umstände geltend gemacht würden, dass das Feuer jedoch weiterhin ihr zugeschrieben wurde. Doch sie wahrte die Fassung, so gut es eben mit tränenverschmierten, mit blauen Flecken versehenem Gesicht möglich war.

    Als der Officer das Zimmer verliess und ihr damit einen Moment alleine Zeit gewährte, musste sie stark an sich halten, um nicht erneut in Tränen auszubrechen. So hörte sie kaum, als sich die Tür bereits nach wenigen Minuten erneut öffnete. „Ich habe ihnen doch alles gesagt! Bitte, ich bin unschuldig! Ich weiss nicht... ich habe doch gar nichts...“ brachte sie erstickt heraus, als sie mit hängendem Kopf sah, dass die Füße, die sie gerade auf dem Boden erblickte, jemand anderem gehörten. Als sie den Kopf hob, sah sie einen gänzlich anderen Mann, der wohl kein Polizist war. Und mehr noch, deutlich hörte sie das Mitleid in ihren Ohren, was dieser Mann ausstrahlte. Er hielt kurz inne, ehe er in seine Tasche griff und einen kleinen Schlüssel daraus hervor zog, um ihre Handschellen zu lösen, ehe er sich ihr Gegenüber niederliess. „Da wir uns noch nicht kennen, möchte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Kenneth Henderson, und es tut mir leid, dass wir uns unter solchen Umständen kennen lernen müssen.“ Er blickte ernst, aber auch freundlich drein, ein warmer Laut, der seine Umgebung durchdrang. Ohne lange nachzudenken ergriff sie die ihr dargebotene Hand, denn es war ein angenehmes Gefühl, dass sie nicht wie eine Verbrecherin angesehen wurde. Henderson war Mitte fünfzig, zumindest würde sie ihn so anhand der bereits ergrauenden Schläfen schätzen, während er über einen drahtigen, schlanken Akademikerwuchs verfügte. Seine braunen Augen blickten unverwandt in die Ihren, erkundend, beobachtend, studierend. „Ich wurde gerufen, weil es sehr ungewöhnliche Umstände sind, unter denen Sie auffielen.“ meinte er, als er seine Brille abnahm und diese mit seinem Hemdärmel reinigte. „Bevor wir uns jedoch mit den Konsequenzen dieser Umstände befassen, würde ich gerne noch einmal von Ihnen hören, was Ihnen genau widerfahren ist. Bitte, fassen Sie sich ein Herz, reden sie einfach. Ich werde Sie nicht unterbrechen, ich will einfach nur von ihnen hören, was geschehen ist und wie sie sich dabei gefühlt haben.“ Und Raven erzählte. Erzählte, bis ihre Stimme heiser wurde, erzählte von all dem, was ihr Leben innerhalb kürzester Zeit umgekrempelt hatte. Und Henderson saß einfach nur da, nickte aufmerksam und hörte mit jeder Faser seines Körpers zu. Als sie endete, hallte das Mitleid, das er so überdeutlich ausstrahlte, deutlich in ihren Ohren wider. „Es tut mir sehr leid, dass Ihnen etwas derartiges widerfahren ist.“ meinte er mitfühlend, als er in seiner Hemdtasche nach etwas zu suchen begann. „Niemand sollte das durchmachen müssen, und daher tut es mir leid, wenn ich auf Nummer sicher gehen muss.“ Bevor sie fragen konnte, was er damit meinte, hatte er ein Feuerzeug vor ihr auf den Tisch gestellt. Nicht nur irgendein Feuerzeug – das Feuerzeug, mit dem alles angefangen hatte! Mit einem Aufschrei zuckte sie zurück, als Angst ihren Geist durchflutete. 'Nein, nicht schon wieder! Nicht schon wieder!' durchfuhr es ihren Geist, als jedoch ihre ungezügelten Emotionen aufwallten – und eine Stichflamme aus dem Feuerzeug fuhr. Sie fiel nach hinten, und auch Henderson machte einen Satz zurück. Glücklicherweise erstarb die Flamme in kürzester Zeit, doch dafür war sie selbst am Ende. Sie konnte einfach nicht mehr. Erneut flossen Tränen aus ihren Augen. „Was passiert hier? Was ist das?“ schrie sie verzweifelt, als sie den Kopf in die Hände legte und ihrer Angst freien Lauf liess. Erst, als sich eine warme Hand auf ihre Schulter legte, sah sie, dass Henderson sich zu ihr hinunter begeben hatte. Keine Anschuldigung war aus seinem Gesicht zu lesen oder zu hören, nur Anteilnahme. Und so griff sie in sein Hemd, lehnte ihren Kopf gegen seine Brust und weinte weiter, bis ihre Tränen versiegten.

    Als sie sich schliesslich wieder beruhigt hatte, half ihr Henderson auf und redete ihr so lange gut zu, bis sie sich erneut an den Tisch setzte. „Es tut mir Leid, aber ich muss das Schwere zuerst loswerden. Das Feuer ist tatsächlich auf Sie zurück zu führen. Sie sind dafür verantwortlich. ABER!“ sagte er mit erhobener Stimme, ehe sie etwas einwenden konnte, „... ich glaube, dass sie trotzdem unschuldig sind. Oder zumindest nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden können. Sie müssen wissen, es scheint, dass sich gerade etwas wandelt. Sie sind nicht der erste derartige Fall, den ich in den letzten Wochen behandeln musste. Sie haben das Feuer beeinflusst, und das vermutlich nur mit der Kraft ihres Geistes. Doch sie wissen noch nicht, wie sie damit umgehen können. In gewisser Hinsicht sind sie wie ein Kleinkind, das einen neuen Sinn entdeckt und noch nicht weiss, wie es das bewerten soll, was es da wahrnimmt.“ Er zog eine Visitenkarte aus seiner Tasche und legte sie ihr hin. „Ich möchte Ihnen daher ein Angebot machen. Ganz egal, wie das hier ausgeht, Ihnen muss klar sein, dass Ihr Leben sich von Grund auf verändert hat. Sie können alleine versuchen, mit diesem Wandel fertig zu werden, aber es wird schwer. Sehr schwer. Deswegen biete ich ihnen meine Hilfe an. Ich erforsche Fälle wie den Ihren, denn Sie sind nicht die Einzige, die auf einmal in solcherlei Geschehnisse verwickelt sind. Ich möchte es verstehen, und möchte, dass Sie das auch tun. Und wenn wir es erst einmal verstehen, dann kann sich ihr Leben auch wieder normalisieren. Dann können sie ohne solche Katastrophen leben!“ Er erhob sich, um sich das abgelegte Jackett zu greifen, das er für das Gespräch abgelegt hatte. „Ich werde Ihnen ein wenig Bedenkzeit geben und solange mit den hiesigen Officers reden, dass diese sie nicht verhaften. Wenn Sie mein Angebot annehmen wollen, dann reden wir darüber, wie es weitergeht. Wenn nicht, haben Sie jetzt zumindest meine Handynummer, um mich zu kontaktieren, sollte noch etwas sein.“

  8. #8
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    Samstag, 26. Mai, 22.00 In einer kleinen Arztpraxis auf dem Land Das angenehme Zirpen der Grille hallte durch Azura's Ohren während eine erfrischende Brise über sein verschwitztes Gesicht fuhr. Nur langsam erwachte sein Körper aus dem Tiefschlaf. Auf einem kleinen Tisch stand vorsorglich ein Glas Wasser bereit gestellt Jeder einzelne Muskel schmerzte, außerdem plagten fürchterliche Kopfschmerzen sein Gemüt. Es dauerte eine ganze Weile bis dem Jungen die Bilder des heutigen Tages erneut in den Sinn schossen, sofort produzierte sein Körper erneuten Tränenfluss. Warum auch immer er auf einem bequemen Bett saß, begann sein Körper von ganz alleine hin und her zu wippen. Weitere Minuten verstrichen, bis es plötzlich an einer Tür klopfte.

    Azura erschrak, flüchtete sich instinktiv in die Bettdecke hinein. Ein fremdes Paar Schuhe betrat das makellos aufgeräumte Zimmer wo der Junge untergebracht wurde. Seine Ohren vernahmen das Schieben von Stuhllehnen auf den Boden, die man vor dem Bett abstellte. Ein knarren verriet, dass sich jene Person hinsetzte. Lange blieb es still, bis Azura von sich aus sein zerzaustes Haupt einen Spalt hervorlugte und kurzzeitig schemenhaft ein Gesicht erkannte, das er nicht kannte. "Es ist alles in Ordnung Junge, ich will dir nichts tun", hörte er eine männliche Stimme sagen die einen beruhigenden Ton inne hielt. Was wollte dieser völlig Fremde von ihm, wo war seine Mutter und warum beschlich ihn ein erdrückendes Gefühl in der Magengegend? "W-wer si-sind sie?", platzte es aus dem Jungen heraus - man konnte seine Angst förmlich riechen.

    "Kenneth Henderson", stellte sich der Mann vor ihm vor. In seiner Stimme lag etwas beruhigendes, dass ihm sämtliche Scheu oder gar Angst nahm. Langsam kroch er aus der Bettdecke hervor, um sein Gegenüber in seine braunen Augen zu blicken, die ihn freundlich anblickten, beobachtend, seine Wesenszüge studierten. "Sie gehö-ren nicht zum Dorf, oder zur Polizei oder?", fragte Azura mit noch immer aufgebrachter Stimme. Sein Gegenüber verneinte dies mit einem Kopfschütteln. "Es sind sehr bedauerliche Umstände die mich aus sie aufmerksam gemacht haben junger Mann", Azura hörte aufmerksam zu. "Bitte erzählen sie mir jedes kleinste Detail das ihnen widerfahren ist". "Sie brauchen keine Angst haben, ich werde ihnen nichts tun genauso wenig wie ihrer Familie, die übrigens in Sicherheit ist". Bei diesen Worten horchte Azura auf und eine weitere Träne rann seine Wange herunter. Und urplötzlich begann dieser wie ein Wasserfall den Vorfall zu schildern.

    Henderson sagte nichts. Hörte lauschte einfach nur den Worten seines aufgebrachten Gegenübers. Jedes einzelne Detail wurde gefiltert. Irgendwann hatten seine Lungen einfach keine Energie mehr weshalb er beherzt nach dem Glas Wasser auf dem Tisch griff. "Ich bedaure sehr, dass wir uns unter diesen Umständen kennen lernen". "Es ist eine Schande, dass ihnen das widerfahren ist". "Niemand sollte durchmachen was sie durchmachen, junger Mann". Seine braunen Augen blitzten für einen Moment kurz auf ehe er seine Brille abnahm um diese mit einem Brillentuch zu reinigen. "Ich möchte ihnen helfen". "Verzeihen sie mir für das was jetzt kommt.. doch ich muss mich meiner Sache absolut sicher sein". "Sicher sein?", wiederholte Azura. Plötzlich holte Henderson ein Foto heraus und legte es dem Jungen fast schon behutsam vor seine Nase. Seine Augen weiteten sich, als er jenen Mann in Blut gebaden an der Häuserwand kleben sah. "W-weg DAMIT!!!!", schrie er Henderson an und in seiner Stimme lag eine solche Wucht hervorgerufen durch seine puren Emotionen, dass ein leichter Aufwind trotz geschlossener Fenster entstand wodurch Azura hinterrücks aus dem Bett fiel und sich dabei eine Beule an seinem Hinterkopf zuzog. Auch Henderson wurde wie ein Blatt Papier nach hinten geschoben.

    Erneut dröhnte sein Schädel unerträglich. "W-was geschieht hier bloß?", murmelte Azura nur um wieder in jene Position zu verharren wie auf dem Bett, die Arme um seine Beine umschlungen, schaute er betrübt auf den Teppich. Langsam stand Henderson auf. Gesellte sich zu dem Jungen auf den Boden und legte behutsam einen Arm um seine Schulter. Seine folgenden Worte waren ehrlich und aufrichtig, keinerlei Anschuldigungen, oder Abscheu. "Ich möchte ihnen helfen.. sie müssen wissen, dass was sie gerade vollbracht haben, haben sie alleine geschafft". "Ich weiß nicht genau wie aber gerade findet ein Wandel statt". "Ein Wandel??", fragte Azura und sah zu Henderson hoch. "Es gibt noch mehr Leute denen so was passiert ist?", ein Nicken bestätigte den Jungen. "Wir müssen verstehen warum das ganze gerade passiert genauso müssen sie lernen mit dieser neuen Gabe umzugehen". Er holte eine Karte aus seiner Hosentasche hervor und überreichte diese dem Jungen. "Natürlich können sie versuchen alleine damit fertig zu werden.. aber das.. wird schwer". "Sehr schwer". "W-was ist mit meiner Familie.. ich kann sie doch jetzt nicht alleine lassen", entgegnete ihm Azura. "Machen sie sich darum keine Sorge ihrer Mutter wohl auf". Viele Gedanken jagten durch sein Haupt. "Sie müssen sich nicht sofort entscheiden", langsam stand Henderson auf und warf sich sein Jacket um, dass er beim Betreten des Zimmers auf den Stuhl abgelegt hatte aber inzwischen am Boden lag. "Rufen sie mich an, wenn ihre Entscheidung feststeht". "Egal was kommt ich werde ihnen helfen". Mit diesen Worten verabschiedete sich Henderson von Azura und schritt langsam zur Zimmertür.
    Geändert von Constantine (11.09.2017 um 23:35 Uhr)

  9. #9
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    Montag, 02. Juni, 15.00 Uhr, Aussenbezirk v. Boston
    Die Ereignisse des vergangenen Woche waren noch immer gestochen klar in Ravens Kopf präsent. Manchmal glaubte sie, sie müsse nur die Augen schliessen, um alle Sinneseindrücke wieder so intensiv zu erleben, wie sie es in jener Nacht gewesen waren. Selbst, als sie nach einer weiteren langen Nacht endlich gegen 12.00 Uhr aufgewacht war - durch die Erschöpfung war sie zum Glück nach einer Weile eingeschlafen - konnte sie nicht gleich aufstehen, sondern blieb mit geöffneten Augen einfach liegen, den Blick in die Ferne gerichtet. Wieder und wieder liess sie die Geschehnisse gedanklich Revue passieren. Was Henderson gesagt hatte... konnte es wahr sein? Konnte tatsächlich Sie selbst der Grund dafür sein, dass diese grässlichen Vorfälle geschehen waren? Auf diese Frage konnte sie natürlich keine Antwort finden. Sie hatte die letzten Tage versucht, ihr Leben so weiterzuführen wie bisher, aber es war ihr kaum möglich gewesen. Nicht nur, dass sie alles zu entfernen versucht hatte, was mit Kerzen, Feuerzeugen und anderem zu tun hatte – nein, sie hatte auch versucht, wieder einen Job zu finden. Doch jedes Mal, wenn sie kurz davor war, einen Anruf zu tätigen oder sich anderweitig zu betätigen, trat ihr wieder gestochen scharf das Bild der beiden brennenden Männer vor Augen. Und schliesslich war sie nach einer Woche an dem Punkt angelangt, dass sie einsah, dass es so nicht weiter gehen konnte. Ausschlaggebend war – wie des häufigeren – eine Sitzung bei ihrem Therapeuten, Dr. Hautzinger, gewesen.

    „Es gibt Situationen im Leben, da brauchen wir jemand anderen, der uns hilft.“ hatte er gesagt. „Und es ist kein Zeichen von Schwäche, das zuzugeben, vielmehr ist äusserst mutig, sich das einzugestehen und über den eigenen Schatten zu springen, sich zu öffnen und die dargebotene Hand anzunehmen.“ Die Überzeugung in seiner Stimme, die seinen Worten in ihren Ohren einen äusserst warmen, kräftigen Klang verlieh, überzeugte sie schliesslich davon, Henderson anzurufen.

    Montag, 04. Juni, 12.00 Uhr, Boston Logan International Airport
    Als Raven sich mit einigem Gepäck am International Airport eingefunden hatte, schweiften ihre Gedanken zum vorigen Tag ab. Obwohl es Sonntag war, hatte sie Henderson schnell erreichen können, der wiederum sein Versprechen wahr gemacht hatte, sich schnellstmöglich ihrer anzunehmen. Abends saßen sie beisammen, um die Details für seinen Vorschlag zu besprechen. Er hatte mit staatlicher Unterstützung ein Projekt ins Leben gerufen, um Vorfälle wie den Ihren zu besprechen und zu analysieren; wenn möglich auch zu helfen. Zu diesem Zweck hatte er auf Barbados eine kleine Siedlung nahe der Stadt Bridgetown räumen lassen. Dort war eilig ein provisorisches Untersuchungszentrum errichtet worden, um den 'Patienten'eine sichere, abgeschiedene Umgebung zu bieten, in der man sich ihres Problemes annehmen konnte. Es würden kleine WGs gebildet werden – die jeweiligen Häuser boten Platz für 2 Personen, die ein Leben abseits der Untersuchungen ermöglichten. Sobald man sich sicher war, dass keine 'spontane Ausbruchsgefahr' bestand, stand es einem auch offen, in die nahe Stadt Bridgetown zu fahren, um das städtische Leben geniessen zu können – zumindest bis zum Abend, an dem man sich wieder 'zu Hause' einzufinden hatte. Überdies könnte man Sprachkurse und andere Aktivitäten belegen, um die Zeit konstruktiv zu nutzen – und da die Einrichtung die Einzige ihrer Art weltweit war, würden Angehörige jedweder Nation vor Ort sein. Man solle die Chance als solche begreifen und Nutzen, um Kontakte zu schliessen, zu lernen und die Zeit nicht einfach nur aussitzen.

    Von seiner Argumentation, vielmehr aber von seiner Person selbst überzeugt, hatte sich Raven bereit erklärt, bereits heute dorthin zu fliegen. Ihre wichtigen Habseligkeiten hatte sie eingepackt, was sie nachkaufen konnte würde sie auf der Insel selbst nachkaufen. Als sie in Richtung ihres Fliegers ging, hielt die Hoffnung sie aufrecht, dass es nach den Alptraumhaften Tagen jetzt endlich wieder aufwärts gehen würde.

  10. #10
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    Montag, 04. Juni 12.00 Uhr, Gate 12 Mit wenigem Gepäck war Azura auf dem Flugplatz eingetroffen. Seine Gedanken kreisten nach wie vor an die vergangenen Tage. Überrascht darüber, dass Henderson so gleich seine Unterstützung zusagte, kamen beide noch einmal zusammen. Er erklärte ihm was für ein großartiges Projekt jetzt auf die Beine gestellt wurde. Es sollte ein Ort errichtet werden an dem mehr Menschen aufgenommen und untersucht werden konnten, an dem seltsame Ereignisse besser studiert werden konnten. Ein Ort an dem Freundschaften geschlossen werden konnten, wo sich sämtliche Nationen dieser Welt treffen.

    Es war natürlich zu schön um wahr zu sein doch letztendlich entschied sich Azura vielmehr wegen Henderson selbst diesem Projekt beizuwohnen. Sein Blick blieb für einen Moment nach hinten gerichtet. Am Ende der Gateway standen sein Chef, seine Mutter, die wieder ursprüngliches Selbst auffasste sowie seine Schwester. Der Aufruf für sämtliche Passiere wurde durchgegeben. Mit einem merkwürdigem Blick winkte Azura seiner Familie noch einmal zu, als würde er diese für eine lange Zeit nicht wieder sehen können. Nach dem der Flieger nun endlich gestartet war, verschwand seine Heimat immer weiter in den Hintergrund. Es war die Hoffnung die ihn aufrecht blicken ließ und seine Neugierde wuchs von Sekunde zu Sekunde.

  11. #11
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    Dienstag, 05. Juni, 13.00 Uhr, Bridgetown Grantley Adams International Airport

    Als Raven schliesslich in Bridgetown ankam, musste sie als allererstes ihre Augen vor dem Anblick der Wärme schützen. Sie hatte sich im Vorfeld ein wenig über den kleinen Inselstaat Barbados informiert und hatte sich entsprechend eingedeckt. Als sie an den übrigen Fluggästen vorbei in den Grantley Adams International Airport schritt, huschte ihr Blick bereits umher, um schliesslich auf einem jungen Mann haften zu bleiben, der ein Schild mit ihrem Namen in die Höhe streckte. Als sie auf ihn zuging, fiel ihr auf, dass er höchstwahrscheinlich ein paar Jahre jünger war als sie, denn trotz seiner Körpergröße wirkte er sehr jungenhaft, als er ihr ein breites Lächeln schenkte und ihr wild zuwinkte, als er sie bemerkte. Sie strich sich die mit purpurnen Strähnen versehenen Haare zurück, denn diese waren durch ein Nickerchen auf dem langen Flug in Unordnung geraten, und kam so schliesslich bei ihm an. „Hey, willkommen! Du bist sicher Raven, oder? Musst du ja sein, wenn du auf das Schild hier zusteuerst.“ Er lachte und hielt ihr seine Hand hin. Ohne zu zögern ergriff sie sie, denn an ihre Ohren drang nichts ausser den warmen Lauten seines Frohsinns. „Ich bin übrigens Dan. Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen!“ Ein lächeln schlich sich auf Ravens Züge, als sie seine Hand schüttelte. „Ebenso. Ich bin übrigens tatsächlich Raven – nur, um das auch einmal gesagt zu haben.“ Er knuffte sie kurz mit verschwörerischem Blick in die Seite, ehe er sie aus dem Gebäude geleitete und sie auf den von Sonnenlicht schier überfluteten Parkplatz führte.

    „Wohin bringst du mich?“ fragte Sie neugierig, als er an den parkenden Autos vorbei ging und scheinbar in Richtung der Innenstadt lief. „Wir werden heute Abend mit dem Bus abgeholt – der Doc hat gesagt, dass sie alles noch ein bisschen saubermachen wollen, ehe sie Euch da reinlassen. Solange bleiben wir in der Stadt und sammeln uns. Die nächsten Wochen kommen immer wieder ein paar dazu, aber heute sollen noch vier oder fünf andere eintreffen, die die gleichen Probleme haben wie wir.“ Bei seiner in lockerem Tonfall gehaltenen Rede glitt Kälte wie flüssiges Eis durch ihre Venen. „Unser Problem...“ meinte sie nur leise, ehe sie ihre Sinne vom Treiben der Stadt bombardiert wurden und sich ihre Erinnerungen verflüchtigten, weggeblasen von dem Sturm, der an ihre Ohren drang. Hitziger Ärger, kalte Berechnung, warme Nächstenliebe, ausgelassene Freude, innige Liebe... das war nur ein Bruchteil, der ihr in die Ohren drang, als sie sich selbige zuhielt und das Gesicht verzog, schnell daran erinnert, warum sie sich meist von Menschenmengen fernhielt. Dan hingegen schien der Trubel wenig auszumachen, er schien ihn noch nicht einmal wahrzunehmen. Schliesslich erreichten sie ein kleines Café, in dem er sich zu einigen bereits sitzenden Gästen begab und diese so lässig begrüßte, dass man sofort sah, dass diese sich kannten. „Setz dich, machs dir bequem, bestell dir eine Tasse Kaffee. Geht aufs Haus, quasi ein erster Willkommensgruß von unserer kleinen Gruppe hier.“ Er liess seinen Blick über die anwesenden Gesichter schweifen, als er die Anwesenden zählte, ehe er bestätigend nickte. „Gut, es fehlen nur noch 3 Neue und eben Hans, der sie abholt. Dann können wir uns erst einmal vorstellen – kann aber noch ne Weile dauern, unser deutscher Biedermann ist immer...“ - „Was bin ich?“ erklang die ruppige Stimme des Deutschen hinter ihnen. „Du bist da!“ strahlte Dan, scheinbar nicht verlegen, dass er auf frischer Tat beim Lästern ertappt worden war, und gestikulierte ihnen wild zu, sich zu setzen. Nun saß eine Gruppe von ca. einem Dutzend junger Menschen rund um den Tisch, die äusserst heterogen war. Kaum jemand war von der gleichen Nation wie sein Nebensitzer, selbst aus dem fernen Japan war ein junger Kerl anwesend. „Also, stellen wir uns doch alle einmal vor – immerhin werden wir uns die kommende Zeit noch sehr häufig sehen. Ich bin Daniel, aber nennt mich einfach Dan. Ich bin 16 Jahre alt und komme aus London, ich spiele Gitarre und koche die schlechtesten Fish & Chips, die ihr jemals gegessen habt.“ Er grinste in die Runde, als erste verhaltene Lacher aus der Runde drangen, während auch Raven ein Schmunzeln zeigte. Für sie war klar, was er versuchte – seine fröhliche Art und die Witze, die er riss, sollten die Trauer überdecken, die ihn plagte. Die sie alle plagte, denn ihren Ohren entgingen die drückenden Töne nicht. Mit einem Male fühlte sie sich hier viel wohler – endlich hatte sie Menschen um sich, die sie verstanden! An den Blicken der Anderen sah sie, dass es wohl auch ihnen so ging, ausserdem taten Sonne und das karibische Ambiente ihr übriges, um die Stimmung zu heben. Als Dan geendet und sich wieder hingesetzt hatte, nickte Raven in die Runde. „Mein Name ist Raven. Ich denke, mit 25 bin ich die Älteste hier, aber macht euch bitte keine Umstände – wir sitzen hier alle im selben Boot. Oder eher auf der selben Insel, um genauer zu sein. Ich liebe Musik, spiele Schlagzeug und mixe gute Getränke zusammen, in meiner Freizeit boxe ich auch gerne.“ Sie warf ein Lächeln in die Runde, als sie sich dem Nächsten zuwandte.

  12. #12
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    Dienstag, 05. Juni, 13.40 Uhr Ein sanftes Ruckeln glitt durch das Flugzeug welches so eben mit den Reifen den Asphalt der Flugbahn berührte. Langsam öffneten seine müden Augenlider. Leicht benommen wirkend, weckte eine Flugbegleiterin den Jungen der dann hastig nach seinem Gepäck griff. Viel war es nicht. Ein kleiner Rucksack mit den Nötigsten Gegenständen von seinem Haus. Zumindest was davon übrig war. Den Kopf leicht nach unten gehalten, schritt er durch die Gang Way. Seine Augen blinzelten, als das grelle Sonnenlicht ihn erreichte. Sofort wurde seine niedergeschlagene Stimmung gleich heller, als ihn die vielen unterschiedlichen Menschen über den Weg liefen. Sein Blick wanderte von einem auf den anderen Punkt bis aus der Menge eine Person hervorstach, die ein großes Schild mit seinem Namen hervor hielt.

    Langsam trugen ihn seine Füße zu jenen Mann mit einer wilden Frisur. Eine Sonnenbrille zierte sein kantiges Gesicht und auch sonst.. wirkte diese Gestalt sehr einschüchternd auf den Jungen. "Du musst wohl Azura sein", begrüßte ihn sein Gegenüber. Nickte ihm zum Gruß kurz mit dem Kopf. Etwas weiter Abseits standen noch zwei weitere Personen. "Dann können wir los, die anderen warten sicher schon". "Nicht so schüchtern Junge", ein kurzer Schulterklopfer sollte wohl die Stimmung lockern. Doch die Geschehnisse der letzten Wochen nagten immer noch durch seinen Geist. "W-wo gehen wir hin?" von seiner Neugierde dann doch gepackt, fragte Azura ihren Reiseführer wie er den Mann, der sich als Hans vorstellte. Seine beiden Begleiter, eine junge Frau mit blondem und eine mit braunem Haar begleiteten sie schweigend.

    "Zum Treffpunkt nicht weit von hier Azura". Seine Augen huschten immer wieder durch die Straßen der Stadt. Er hatte sich nicht viel darüber informiert durch das angenehme Klima in seiner Heimat war er glücklicherweise bestens vorbereitet. "Ahhh!!!", rief Hans erfreut, als sie ein kleines Café erreichten wo bereits eine kleine Gruppe von Menschen wartete. Azura wusste nicht so recht, wo er sein Platz war, als ihm eine junge Frau mit blauen Haaren auffiel die offenbar gerade ihren Satz endete. "Ahhh, da sind ja unsere Nachzügler", erwiderte Dan freundlich und winkte den Neuankömmlingen freundlich zu. "Setzt euch, setzt euch, wir stellen uns gerade vor". Das Grinsen auf seinen Lippen war kaum übersehbar.

    "Hey Kurzer!", dabei deuteten seine Finger auf Azura. "Wir stellen uns gerade vor, die Süße neben dir da ist Raven, 25 Jahre alt und scheinbar die Älteste hier", ein leises Lachen hallte von einigen. "Ich bin Dan, 16 Jahre alt, komme aus London!". Während Hans mit den Augen rollte, stupste dieser kurz in seinen Rücken um ihm Mut zu machen. Ein wenig unbeholfen wirkend, nahm Azura seinen Rucksack von den Schultern. Der Höflichkeit halber verneigte der Junge seinen Oberkörper leicht nach vorne und vermied es den Leuten in ihre Augen zu schauen. "Azura Hideyoshi, ich bin 14 Jahre alt u-und komme aus einem kleinem Dorf in Asien". Die Anwesenden sahen sich etwas skeptisch an, schien ihn kaum jemand verstanden zu haben. Die Blondine, die ihn begleitete rollte mit ihren Augen und begann mit recht schnippischem Ton zu übersetzen, "seinen Namen werdet ihr ja mitbekommen haben falls nicht.. er heißt Azura Hideyoshi.. ich übersetze mal für euch Nasen, er ist 14 Jahre und kommt aus einem kleinen Kaff aus China". "Hehh, Klasse wie du übersetzt!!", erwiderte Dan gleich und lächelte Azura zu. Der wiederum schaute etwas irritiert und setzte sich leicht eingeschüchtert neben Raven.

  13. #13
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    Dienstag, 05. Juni, 14.00 Uhr, Bridgetown, Café 'Italia Coffee House'

    Raven betrachtete die Neuankömmlinge aufmerksam, als diese sich ebenfalls nach anfänglichem Zögern zum Rest ihrer bunten Gemeinschaft an den Tisch gesellten. Neben Raven liess sich der junge Asiate nieder und sah sich vorsichtig um. Ihre Ohren fingen den zittrigen, unsicheren Geisteszustand des Jungen auf, sodass sie unwillkürlich eine Hand auf seine Schulter legte und ihm ein kurzes aufmunterndes Lächeln schenkte, ehe sie den Kopf abwandte und zur Nächsten in der Runde sah, die sich vorstellte. Es war die junge Blonde, die für Azura übersetzt hatte. „So, wenn wir das alle machen müssen, bringe ich das wohl auch mal hinter mich. Ich bin Mikaela, komme aus Hong Kong und bin 18 Jahre alt. Ich spreche Chinesisch, Japanisch und Englisch fliessend, lerne aber auch noch Italienisch und Deutsch.“ Anerkennendes Gemurmel ertönte, denn der chicen Blonden hätte man eine derartige linguistische Kompetenz nicht zugetraut, was erneut bewies, dass der erste Eindruck leicht täuschen konnte. „Und was hast du so für Hobbies?“ wollte Dan wissen, der sie mit großem Interesse musterte, das, wie Raven hörte, längst nicht nur akademischer Natur war. Sie warf ihm einen langen Blick zu, ehe sie knapp „Schwimmen.“ erwiderte, scheinbar unwillens, mehr über sich Preis zu geben. Hätte Raven hinter der brüsken, abweisenden Antwort nicht deutlich die Töne der Unsicherheit und Nervosität vernommen, die sie zu überspielen versuchte, sie hätte sie womöglich als unangenehm empfunden. So jedoch lächelte sie und nickte ihr zu, während die Vorstellungsrunde weiter ging. Der blonde Deutsche hatte sich als nächstes erhoben.

    „Ich heisse Hans, komme aus Stuttgart und bin 24 Jahre alt. Damit kann ich mir die Silbermedaille für das zweithöchste Alter ans Revers heften.“ meinte er so bierernst, dass erneutes Lachen ertönte. Die Reaktion entlockte ihm ein leises Lächeln, als er weiter fortfuhr. „Ich studiere Medizin und stehe kurz vor meiner Abschlussprüfung, lege aber erst einmal ein Urlaubssemester ein.“ - „Er ist gewissermaßen unser aller Onkel.“ warf Dan breit grinsend ein. „Zwar nur der spießige Onkel und nicht der coole, aber immerhin.“ Das brachte ihm einen Klaps auf den Hinterkopf ein, während Ravens Augenbrauen in die Höhe gewandert waren und sie spöttisch anmerkte: „Und was macht das aus mir? Wenn du jetzt 'Mutter' sagst...“ Erneutes Gelächter ertönte, und die Vorstellungsrunde ging weiter. Ihre illustre Gemeinschaft hatte sich durch die gemeinsame Anstrengung aufgelockert, als sich auch die nervöseren Naturen entspannten, darunter auch Raven. Es stellten sich noch Auset, eine 20jährige aus Ägypten mit diversen künstlerischen Interessen; Nikisha, eine 16jährige aus Kapstadt, die gerade eine Ausbildung zur Tierpflegerin absolvierte; Andrej, ein 18jähriger Soldat aus Russland und schliesslich auch Achilleas, der 19jährige Sportler aus Griechenland, vor. Sie alle scherzten und plauderten noch eine Weile, als sich das Gespräch in der Runde aufgelöst hatte und in viele kleinere Gespräche übergegangen war. Nach einer guten halben Stunde zahlten sie ihre Getränke und erhoben sich, um gemeinsam nach draussen in die Sonne zu gehen. Wie auf Kommando war am Ende der Straße schon der Bus zu sehen, in den sie gleich steigen würden, wie Dan sie informierte.

    Dienstag, 05. Juni, 16.30 Uhr, Institut 'La Vida Verde', Barbados

    Als Raven die Tür aufschloss, erkundete sie als erstes die Wohnung, die ihr zugewiesen worden war. Es war eine schlichte 1 Zimmer- Wohnung mit Bad und Küche, kleiner als ihre eigene Wohnung, aber man würde sie nichtsdestotrotz komfortabel einrichten können. Mit ihrem Nachbarn teilte sie sich eine Dachterrasse sowie einen kleinen Aufenthaltsraum, zu dem man über das gemeinsame Treppenhaus kam. Während sie sich umsah, schweiften ihre Gedanken zu der vergangenen Stunde zurück. Auf der Fahrt zum Institut, das den klangvollen Namen 'La Vida Verde' trug (wohl mehr ein Spitzname, den Dan in die Runde geworfen hatte, der aber nichts desto trotz haften geblieben war), hatte sie die schöne Landschaft des Inselstaates bestaunen können und freute sich bereits darauf, diese einmal näher zu erkunden. Am Institut angekommen verstummten die Gespräche und machten einer zittrigen Nervosität aller Teilnehmer Platz, mit der jeder anders umging, die Raven aber bei allen deutlich heraus hören konnte. Diese nahm weiter zu, als sie sich in einem Besprechungsraum einfanden, der sie sehr an die Seminarräume ihrer Universität erinnerte. Als Henderson jedoch eintrat und in die Runde lächelte, konnte sie nicht anders, als sich unwillkürlich etwas zu entspannen. Mit ruhiger Stimme erklärte er ihnen den geplanten Ablauf der kommenden Zeit, die er vorerst auf ein halbes Jahr schätzte, jedoch davor warnte, dass diese jedoch je nach Untersuchungsstand variieren könne. Sie würden erst einmal mit einem kompletten Check ihres Gesundheitszustandes beginnen, während auch erste Blut- und Urinproben genommen werden sollten. Aufgrund der Verspätung eines Kollegen wäre das für den heutigen Tag auch schon alles, sodass sie sich den restlichen Nachmittag und Abend frei nehmen konnten. Es stand zur Wahl, entweder in der Caféteria mit anderen zu essen, oder bei Bedarf die eigene Küche zu verwenden. Denn für den Aufenthalt hier auf Barbados würde jeder über seine eigene kleine Wohnung verfügen, die man sich jedoch in Nachbarschaft mit jemand anderem teilen würde. Gerade in den Fällen, in denen Frauen und Männer Tür an Tür wohnen würden, sei es jedoch wichtig anzumerken, dass Bad und Küchenzeile in jeder Wohnung verfügbar seien und daher nicht gemeinsam benutzt würden. Die Anwesenden seien darüber hinaus angehalten, sich miteinander bekannt zu machen, denn wenn jemand die aktuellen Probleme verstehen würde, unter denen sie litten, dann ihre Leidensgenossen.

    Nach einer guten halben Stunde medizinischer Untersuchung, die sich nicht anders anfühlte als ein Besuch beim Hausarzt (mit Ausnahme vielleicht von der Blutabnahme) wurden die Zimmer verteilt. Raven würde neben dem jungen Azura wohnen, während Dan und Hans gleich in der Nähe wohnen würden. Sie alle hatten schnell noch ihre Handynummern ausgetauscht und bereits eine Gruppe auf Whatsapp eröffnet, um schnell miteinander in Kontakt treten zu können. Für den heutigen Abend war davon jedoch noch nicht zu viel zu merken, es schien vielmehr, als würde jeder erst einmal ankommen und sich einrichten wollen. In Ravens Fall war das schnell erledigt, sodass sie sich daran machte, etwas zur Stressbewältigung zu tun. Ungünstigerweise hatte sie sich noch kein passenden Boxsack leisten können, und heute fuhr kein Bus mehr zurück in die Stadt. Also zog sie sich eine lockere, leichte Sportmontur zum Laufen an und joggte in immer weiteren Kreisen um das Institut, um die Landschaft in sich aufzunehmen und sich durch die Bewegung abzulenken. Als sie nach einer Stunde zurück kehrte war sie mit sich zufrieden, hatte sie doch ein wenig körperliche Ertüchtigung betrieben und sich nun ein wenig Entspannung verdient. Noch in ihren Sportklamotten setzte sie sich in einen der Korbstühle auf ihrer gemeinsame Terrasse, als sie die Musik ihres Smartphones lauter drehte und dieser mit geschlossenen Augen lauschte, während die Welt um sie herum mit all ihren Sorgen und Nöten verblasste. Als sie diese nach mehreren Liedern wieder öffnete, sah sie aus den Augenwinkeln Azura stehen, der sie betrachtete. Sie lächelte und winkte ihn heran, auf dass er sich ebenfalls niederliess. Sie legte die Ohrenstöpsel ab, woraufhin sie sofort den Klang seiner Unsicherheit wahrnahm. 'Scheisse... so jung und schon hier...' schoss es ihr durch den Kopf, als sie sich an ihn wandte. „Hey. Wir sind jetzt wohl Nachbarn. Freut mich, dich kennen zu lernen!“ Sie streckte ihm ihre Hand hin, als sie fragend anfügte: „Verstehst du mich überhaupt?“

  14. #14
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    Dienstag, 05. Juni, 16.30 Uhr, Institut 'La Vida Verde', Barbados Die Nervosität war deutlich an seinen Gesichtszügen erkennbar. Nach dem der Rest ihrer kleinen Gruppe langsam auftaute, wirkte Azura ein wenig zurück haltend. Wie sollte er sich auch verständlich machen, wenn er hier niemanden kannte, alle so stark und selbstsicher wirkten.. und dann war da noch er. Mit einem leisen Seufzen drückten seine Finger die Türklinge herunter. Eine kleine aber feine 1 Raum Wohnung sollte nun sein eigen sein. Mit neugierigem Blick wanderten seine Augen an jeden Winkel herab. Darin konnte man doch prima wohnen. Die Schuhe fein säuberlich an der Türschwelle abgestellte, legte er als aller erstes seinen Rucksack ab, um seine neue Bleibe ein wenig heimischer zu gestalten. Viel hatte er ja nicht mitnehmen können, doch das würde reichen.

    Eine kleine Küche sowie ein Badezimmer waren ebenfalls gegeben, wie man ihm erklärte würde wohl Raven in naher Zukunft seine Nachbarin sein. Seine Gedanken huschten kurz an jene blauhaarige Frau, die ihm ein aufmunterndes Lächeln schenkte, was seine Nervosität nahm.

    Der Sonnenschein wurde langsam von dem aufgehenden Mond verschluckt. Eine angenehme Wärme war dennoch spürbar. Irgendwann trieb es den Jungen auf die Terrasse wo bereits Raven seine Zimmernachbarin in einem Korbstuhl saß. Er konnte irgendwie nicht anders, wenn es auch unhöflich war jemanden aus der Ferne zu betrachten doch dann öffnete diese ihre Augen und sprach ihn auch noch an. Kurz zuckte Azura zusammen. Mit einer Hand verlegen am Hinterkopf streichend, trottet dieser langsam zu ihr.

    Mit freundlicher Mine streckte sie ihm seine Hand entgegen. Azura erwiderte den Gruß der Freundlichkeit und verneigte wie auch schon zu vor in der Gruppe leicht seinen Oberkörper. Dabei fielen ihm seine Haare leicht hervor. Natürlich verstand er kein Wort und ihre Worte klangen wie seltsame Laute in seinen Ohren. Ein kurzes Achselzucken war seine Antwort. Für den ersten Moment leicht irritiert deutete Raven, dass er neben ihr Platz nehmen konnte, was Azura dann auch tat. Der Tag alleine war viel zu aufwühlend, als das er jetzt hätte entspannen können. Auch schossen ihm immer wieder jene Erinnerung des Unglücks in den Kopf. Mit angestrengter Mimik atmete er tief aus, um sich so etwas zu beruhigen. Auch, wenn Raven ihn nicht sah, würde sie ihn wohl hören. Wovon er ja nichts wusste.

  15. #15
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    Dienstag, 05. Juni, 21.00 Uhr, Institut 'La Vida Verde', Barbados, Dachterrasse

    Raven merkte schnell, dass der Junge – Azura war sein Name, wenn sie sich recht erinnerte – gar nichts oder nicht viel von dem Verstand, was sie sagte. Sie runzelte kurz irritiert die Stirn, unschlüssig darüber, wie eine solche Sprachbarriere zu überwinden war. Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch, als die Laute seiner Nervosität an ihre Ohren drangen. Schwer atmend saß er neben ihr, als sie sich spontan dafür entschied, sich auf die einfachste ihr bekannten Methode verständlich zu machen. Sie stupste ihn sachte an der Schulter an, was ihn regelrecht zusammen zucken liess. Sein Blick schweifte kurz wild umher, als er sie ins Auge fasste. Sie verzog ihre Lippen zu einem schiefen, unsicheren Lächeln, als sie auf sich selbst deutete und dann mit ihrer linken ihr Herz beschrieb, wie es heftig in ihrer Brust klopfte, als sie den Blick demonstrativ überall hin wandte. Anschliessend sah sie mit bleibendem Lächeln und einem Achselzucken zu ihm zurück, als sie erfreut feststellte, dass sich der Klang seiner flatterhaften Nerven etwas beruhigt hatte. Sie begann, durch umständliches Gestikulieren anzudeuten, dass es ihr selbst half, sich durch physische Aktivität abzulenken, als sie mitten in der Bewegung einfror – was Azuras mittlerweile verwirrte Miene ohnehin nicht viel verwirrter machte – und sich eine leichte Schamesröte auf ihren Zügen ausbreitete. Sie schnappte sich ihr Smartphone, um kurz nach etwas zu suchen und es schliesslich auch zu finden.

    „Ich hier nervös bin.“ - flackerte über den Bildschirm, als Google Translate seinen Teil beitrug und die verwirrte Mimik des Jungen glättete. Es war lange keine perfekte Übersetzung, aber es half zu verstehen, wenngleich es natürlich immer noch umständlich war. Er schmunzelte, als er jetzt endlich verstand, was Raven ihm sagen wollte, als sie weiter eingab: „Laufen mir hilft, wenn ich nervös bin.“ Sie grinste kurz, als sie anfügte: „Musik auch.“ und ihm einen ihrer Ohrstöpsel anbot. Zögerlich nahm er ihn an, als Raven ihre Stühle näher zusammen rückte, damit sie gleichzeitig der Musik lauschen konnten. Gleich darauf hallten die harten und melodischen Klänge von Amaranthe's 'Maximize' in ihren Ohren wieder, woraufhin sie die Augen schloss und den Beat mitsummte.

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